EinfŸhrung zur Ausstellung – Hölderlin in DŸsseldorf, Prof. Dr. Ursula Blanchebarbe
Meine sehr verehrten Damen und Herren, lieber Frank van Hemert,
Frank van Hemert ist einer der innovativsten und originellsten Maler der Niederlande. Der KŸnstler arbeitet immer in Serien, in denen er sich mit den grundlegenden Themen der menschlichen Existenz beschäftigt. Hier in DŸsseldorf konzentriert er sich im Schwerpunkt auf die Thematik der HölderlintŸrme.
Der Niederländer van Hemert liebt deutsche Literatur, ein bevorzugter Dichter ist Friedrich Hölderlin, dessen Werk um 1800 eine selbständige Stellung zwischen Weimarer Klassik und Romantik einnimmt.
Hölderlin, 1770 in Lauffen am Neckar geboren, wurde aufgrund der begrenzten Mittel der Familie und seiner Weigerung, eine kirchliche Laufbahn einzuschlagen, nach dem Studium Hauslehrer fŸr Kinder wohlhabender Familien. Er fŸhrte ein Leben mit stetigen Ortswechseln, seine schwärmerische Liebe zu Susette Gontard, der Ehefrau eines Frankfurter Bankiers, blieb – wie könnte es anders sein – unerfŸllt. 1802 zeigten sich erste ernsthafte Anzeichen einer geistigen Erkrankung. Es wird berichtet, Hölderlin sei „zerrŸttet“ und sein sich seit langem abzeichnender Wahnsinn sei in „Raserei“ Ÿbergegangen. FŸnf Jahre später, der Dichter ist 37 Jahre alt, gilt sein Zustand als unheilbar. Er kommt zur Pflege in den Haushalt Ernst Zimmers, eines TŸbinger Tischlers, wo er die folgenden 36 Jahre, größtenteils schweigend, im Turm des Wohnhauses seines Gönners verbrachte und unter dem Namen Scardanelli eigentŸmliche formale Gedichte schrieb, die in mythisch-dunkler Bildsprache um die Bestimmung der Völker und das Wesen göttlicher Macht ringen.
O ein Gott ist der Mensch, wenn er träumt,
ein Bettler, wenn er nachdenkt.
Mit diesem Ausruf aus dem Briefroman Hyperion oder Der Eremit in Griechenland beklagt Friedrich Hölderlin die Unmöglichkeit „mit allem was lebt“, eins zu sein und sich gleichzeitig der Wissenschaft zu verschreiben. Er will ausdrŸcken, dass der Mensch nur im Reich der Phantasie und der Träume grenzenlos frei ist. Sobald Realität, Verstand und Logik gefordert sind, sobald das GefŸhl der Sachlichkeit weichen muss, wird er wieder in die „ärmere“ Vernunftwelt zurŸckgeholt. Frank van Hemert lebt voll in dem Bewusstsein in beiden Welten, und er weiß die Grenzen genau einzuschätzen. Er liest die Gedichte Friedrich Hölderlins immer wieder und benennt seine nur in Bruchteilen hier ausgestellte Serie nach dem Bauwerk, dem Hölderlinturm in TŸbingen, in dem der Poet die zweite Hälfte seines Lebens verbrachte.
Die Lyrik entspricht im Kern den damit verbundenen arbeiten des Malers, ihrer
persönlich – stimmungshaften Ausstrahlung, die auch die Resultate von Frank van
Hemert prägen.
Dabei nähert sich der Niederländer dem deutschen Dichter des 18. Jahrhunderts
bezeichnenderweise oft nicht direkt, sondern Ÿber den 1970 freiwillig aus dem Leben
geschiedenen Paul Celan, der sich intensiv mit den HölderlintŸrmen – Möwen
umschwirrt“ beschäftigte. Er schrieb:
Zur Blindheit Ÿberredete Augen.
Ihre – ein Rätsel ist Reinentsprungenes-,
Ihre Erinnerung an schwimmende HölderlintŸrme, Möwen umschwirrt.
Besuche ertrunkener Schreiner
Bei diesen tauchenden Worten:
Käme, käme ein Mensch,
käme ein Mensch zur Welt heute
mit dem Lichtbart der Patriarchen
er dŸrfte, spräch er von dieser Zeit,
er dŸrfte nur lallen und lallen,
immer und – immer zu
Paul Celans Dichtung, seine oft abstrakt anmutenden Verse sind von einer sehr
persönlichen Sprachintensität bestimmt, und sie bewegen sich in einer eigenen Welt
der Metaphern und Chiffren. Beim Lesen öffnet sich ein weites Assoziationsfeld, das
eine eindeutige Sinnesfestlegung verhindern will. Das gilt auch fŸr Frank van Hemert,
dessen Bilder nicht illustrieren.
Das Arbeiten in Serien verschafft dem Maler verschiedene Fassungen des gleichen
Themas, um sich so, genau wie der dichter, seinem Ziel zu nähern. Frank van Hemert
lässt in seinen Bildertiteln das Adjektiv „schwimmend“, das sich auf den Neckar
unterhalb des Hölderlinturms beziehen könnte, weg. Der Fluss wird in seinen Bildern
zur wogenden Bewegung um das sich manifestierende Traumbild aus leerem Bett
und aufragenden Beinen.
Immer wieder stellt der Maler, wie der Poet, unsere Existenz in Frage, er will Ventile
des GefŸhls öffnen und den Betrachter dann mit gesteigerten Emotionen ins Leben
zurŸckschicken. Er zeigt uns, dass Kunst die elementare Fähigkeit hat, AbgrŸnde der
Existenz sichtbar und erlebbar zu machen. Auch deshalb betitelt er den aktuellen
umfassenden Katalog seiner Arbeiten auf Papier „birth – copulation – death“. Van
Hemert wählt letztlich wie die Dichter Hölderlin und Celan eine kŸnstliche Sprache,
die einen Raum schafft, der nur dem KŸnstler allein gehört, wobei beide hoffen, dass
ihre Werke letztlich wie eine Flaschenpost irgendwo und irgendwann an Land
gespŸlt werden, an „Herzland“, wie es Celan formulierte, „in Finis terrae oder dem
Anfang der Welt.“
Bei einem niederländischen KŸnstler, der sich in seiner Serie der Ikonen u. a. mit den bekanntesten seiner Kollegen, van Gogh, beschäftigte, drängt sich ein Vergleich mit dem genialen KŸnstlerkollegen nahezu auf. In der Tat sind beide in ihrer Auffassung von Farbe und Farbigkeit einander vergleichbar.
Beiden geht es um Farbe, um Harmonien, mit denen sich, so van Gogh „die Zuneigung zweier Liebenden durch die Verbindung zweier Komplementärfarben, ihr Einssein und ihr Gegensatz, die geheimnisvollen Schwingungen verwandter Farbtöne“ zum Ausdruck bringen lassen.
Hier ist Frank van Hemert seinem Landsmann sehr nahe, denn beiden geht es um ein spannungsgeladenes Nebeneinander von Farben, die mal lasierend dŸnn, dann fast zum Greifen nahe mit der Hand und nicht mit dem Pinsel aufgetragen sind. Aber es ist nicht nur Umgang mit der Farbe, sondern auch der Umgang mit der Wirklichkeit, in der Parallelen zu finden sind. In einem Brief schreibt Vincent von der Notwendigkeit, Veränderungen in der Wirklichkeit vorzunehmen, welche wahrer sind als die Wahrheit. Das ist fŸr ihn der Weg, auf dem der Maler die Intensität der Wirklichkeit, die er einzufangen versucht, zurŸckbringen kann. Auch Frank van Hemert will mit seinen sehr menschlichen Themen eine Wahrheit zugänglich machen. Seine Formensprache hat dennoch nichts Realistisches. Sie ist trotz der Erkennbarkeit der abgebildeten Dinge an keine Darstellung äußerer Erscheinungen oder Episoden gebunden, die mit spezifischen realen Gegebenheiten in Zusammenhang stehen. Und dennoch oder gerade deshalb gehen seine Arbeiten, ganz gleich ob Malerei, Collage oder Zeichnung, von der Erfahrung des menschlichen Lebens aus.
Mit seinen ausdrucksstarken Ergebnissen versucht er die menschliche Natur zu verstehen, ihrer Beschaffenheiten, dem Funktionieren und dem FŸhlen auf den Grund zu gehen. Das Leben erfährt der KŸnstler dabei mit allen Sinnen und Kräften, und nicht allein Ÿber das Auge. Er verdeutlicht in seinen Bildern, welche Mischung aus Gewalt, Sehnsucht, Verzweifelung, Entfremdung, welches LiebesbedŸrfnis, welch animalische Verkommenheit und Sucht nach einer metaphysischen Dimension in uns steckt. Aber auch, was Schönheit aus allen diesen Stoffen machen kann. Nie versucht Frank van Hemert dabei, die scheinbare Wirklichkeit nachzuahmen. Sein Arbeiten ist ein unabhängiger, kŸnstlicher Akt, dessen Motor die inneren BedŸrfnisse des Individuums sind.
Oft werden dabei die Grenzen zwischen figurativem und gegenstandslosem Arbeiten Ÿberschritten. Die Figur kann nicht einfach ins Bild gesetzt werden, sie muss aus der Farbe, der Ölkreide oder der Collage heraus entstehen.
Die Anlage eines jeden Bildes wird so zum Kampf. Durch den sinnlichen Reiz gewinnt der bildnerische Prozess im Agieren mit dem Pinsel, aber auch mit Schere, Öl, Kohle, Händen und Farbe eine Eigenwertigkeit, die wiederum einen starken sinnlichen Anreiz ausstrahlen kann. Oft baut sich dabei eine Spannung auf, die sich auf den ersten Blick nicht entladen kann. Vielleicht hat der deutsche Maler und Objekt-macher Hödicke recht, wenn er behauptet:
„ Der Horror gebiert die Bilder, die Ignoranz malt sich was.“
(Apropos van Gogh – van Hemert: Beide lieben Sonnenblumen. Der Name dieser Blume ist schon in der griechischen Mythologie bekannt. Ein junges Mädchen namens Clythia verliebte sich in den Sonnengott Helios, der ihre Liebe nicht erwiderte. Die Leidenschaft des Mädchens war jedoch so groß, dass sie Helios immer wieder anschaute. Deshalb hatte der Sonnengott ein Einsehen und verwandelte sie in die bekannte Blume, die sich stets zur Sonne dreht.
FŸr Frank van Hemert ist es eine Pflanze, die lachen und weinen kann, genau, wie der Mensch, sie sind jung, alt, frisch und knackig, aber auch manchmal schon verblŸht und mŸde. Sie sind Zeichen der Hoffnung und Erwartung, der Verzweifelung und Hoffnungslosigkeit, Symbol gegen Krieg und gegen Gewalt.)
„Ich glaube, Kunst ist eine unablässige Beschäftigung mit dem Leben und da wir schließlich menschliche Wesen sind, gilt unsere Hauptleidenschaft uns selbst“, so beschreibt es der englische Maler Francis Bacon, denn „die größte Kraft fŸhrt einen immer wieder zurŸck an die Verletzlichkeit der menschlichen Existenz.“
Frank van Hemert versucht in seinen Bildern diese Verletzlichkeit, von der Bacon spricht, wieder zu finden. In diesem Bestreben nach der Ÿber die bloße Wiedergabe von Realität hinaus gehende Wiedererschaffung von Wirklichkeit erweisen sich seine Bilder als die eines durchaus realistischen Malers. Oft sind weder der Raum noch die Dimension der Zeit in seinen Bildern eindeutig zu definieren. Der Charakter der Zeit ist dabei ambivalent. Zeit ist Bewegung, und Bewegung ist Leben. Bewegung drŸckt das innerste Wesen von Leben aus. Alle Bewegung aber besitzt das Ziel, ist auf das Ende, den Stillstand gerichtet. Leben ist geprägt von Vergänglichkeit, mŸndet in Verfall und Tod. Das Moment der Zeit ins Bild zu bringen, bedeutet nicht nur Bewegung, Dynamik, Spannung ins Bild zu setzen, es bedeutet auch Verletzung und Verfall. Die Zeit wirkt wie ein Sieb, sie trennt Dinge und Menschen: Während die Dinge scheinbar unverändert bleiben, ist der Mensch einer ständigen Veränderung unterworfen. Frank van Hemert beschäftigt sich mit dieser Vergänglichkeit des Menschen.
Die Zeit verändert, entstellt, zerstört. Jean Cocteau schreibt: Jeder Blick in den Spiegel zeigt uns den Tod am Werk. Auch deshalb haben die Figuren in Frank van Hemerts Arbeiten nur eine transitorische Existenz, die sind „Dämpfe aus magischem Kessel, die sich hier und dort zum schwankenden Ebenbild menschlicher Gestalt verdichten, aber schon im Begriff sind, sich wieder aufzulösen“ – so formulierte es John Rothenstein zu Arbeiten von Francis Bacon, ein Satz der aber genau so zutreffend auf die Welt des Frank van Hemert zutrifft. Wenn man zum Ausdruck bringen will, dass bleibende Erinnerungen an vergangene Zeiten und Epochen letztlich nur durch Kunst, Bildende Kunst wie Literatur, vermittelt werden könne, die nicht nur das VordergrŸndige, vielmehr das Wesentliche festhält, dann zitiert man aus Hölderlins Gedicht „Andenken“, in dem die Erinnerung an Freunde dargestellt wird, die zu einer weiten Seereise aufgebrochen sind. Es schließt mit den Zeilen:
„Es nehmet aber,
Und gibt das Gedächtnis die See
Und Lieb auch Heftet fleißig die Augen,
was bleibet, stiften die Dichter.“
In leichter Abwandlung, Hölderlin möge mir verzeihen, „Was bleibet aber, stiften die KŸnstler.“ Zu denen fŸr mich auch Frank van Hemert gehört, dem ich neben der Galerie Bengelsträter fŸr die heutige Einladung danken möchte.
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