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Meine sehr verehrten Damen und Herren. Die heutige Eröffnungsrede ist für
mich ganz schön schwierig. Normalerweise sind die Künstler und
Personen, über die ich reden darf, denkt man an Rubens, Johann Moritz,
den Schweiger oder selbst Picasso, bereits tot und können sich nicht
mehr zur Wehr setzen, oder sie es sind Künstler und Künstlerinnen,
die einem oft über Jahre bekannt und vertraut sind, mit denen man schon
mal einen Kaffee getrunken oder eine Ausstellung vorbereitet hat. Frank van
Hemert, zu dessen Werk ich heute die einführenden Worte reden darf,
habe ich gestern erst persönlich kennen gelernt und auf Grund eines
eng gestrickten Terminkalenders blieben für das erste und bisher einzige
Gespräch gerade einmal 10 Minuten. Ich muss also den Künstler schon
im vorhinein um Nachsicht bitten, wenn ich ihn und sein Werk vielleicht anders
sehe und interpretiere als ihm lang vertraute Kunsthistoriker oder Galeristen. Wichtiger als der direkte Verweis auf die Frau
erscheint das Motiv der Sonnenblume, dass sich in allen Bildern wieder findet.
Der Name dieser Blume ist schon der griechischen Mythologie bekannt. Ein
junges Mädchen namens Clytia verliebte sich in den Sonnengott Helios,
der ihre Liebe jedoch nicht erwiderte. Die Leidenschaft des Mädchens
war so groß, dass sie Helios immer wieder anschaute. Deshalb verwandelte
er sie schließlich in die Blume Helianthenum, die sich stets zur Sonne
dreht. Schon im alten Peru und in Mexiko wurde die Sonnenblume als Zeichen
des Sonnengottes verehrt und auf vielen Kultstätten abgebildet. Archäologische
Funde belegen, dass die Indianer bereits vor 5000 Jahren die ölhaltigen
Samenkerne sowie Blüten, Stiele und Wurzeln in der Medizin nutzten.
Heute weiß man, dass Sonnenblumen eine Substanz produzieren, die in
Zellkulturen den Aids-Erreger HI-Virus an seiner Vermehrung hindern. Sieht man in der Kunst Sonnenblumen dann stellt sich unweigerlich für den europäischen Betrachter die Assoziation van Gogh ein. Wobei es dem niederländischen Kollegen des 19. Jahrhunderts weniger um das Motiv an sich ging, sondern um die Farbe. Die erklärte Überzeugung van Goghs war es, dass „Farbe in sich selbst einen eigenen Ausdruckswert habe." Zu diesem Zwecke bediente er sich einer fast willkürlichen Farbgebung und bemühte sich um genau abgestimmte Harmonien, mit denen „sich die Zuneigung zweier Liebenden durch die Verbindung zweier Komplementärfarben, ihr Einssein und ihr Gegensatz, die geheimnisvollen Schwingungen verwandter Farbtöne" zum Ausdruck bringen lassen. Hier ist van Hemert seinem Landsmann van Gogh sehr nahe, denn beiden geht es um ein spannungsgeladenes Nebeneinander von Farben, die mal lasierend dünn, dann fast zum Greifen nahe dick mit der Hand und nicht mit dem Pinsel aufgetragen sind. Aber es ist nicht nur der Umgang mit der Farbe, sondern auch van Goghs aktiver Umgang mit der Wirklichkeit, in der Parallelen zu finden sind. In einem Brief spricht van Gogh von der Notwendigkeit, Veränderungen in der Wirklichkeit vorzunehmen, welche wahrer sind als die reine Wahrheit. Das ist für ihn der Weg, auf dem der Maler die Intensität der Wirklichkeit, die er einzufangen versucht, zurückbringen kann. Auch van Hemert versucht mit seiner Kunst eine Wahrheit zugänglich zu machen, was jedoch ... nicht durch eine mimetische Wiedergabe des visuell wahrgenommenen funktioniert. Van Hemerts Formensprache hat auch deshalb nichts realistisches an sich. Sie ist trotz erkennbarer Motive an keine Darstellung äußerer Erscheinungen oder Episoden gebunden, die mit spezifischen realen Gegebenheiten in Zusammenhang stehen. Und dennoch geht seine Malerei ausschließlich von der Erfahrung des wirklichen Lebens aus. Mit seinen ausdrucksstarken Bildern geht er im Bemühen, die menschliche Natur zu verstehen, das heißt ihre Beschaffenheit, ihrem Funktionieren und Fühlen auf den Grund zu gehen, an eine äußere Grenze. Van Hemert malt ausgehend vom eigenen Leben - etwa den vor dem Atelierfenster wachsenden Sonnenblumen. Und das Leben wird mit allen Sinnen und Kräften des Menschen erfahren, nicht allein über das Auge. In seinen stark an das Existentielle gebundenen Bildern gibt es kein Element, das es erlauben würde, seine Gemälde als Illustrationen von etwas zu interpretieren. Er vertritt das Bewusstsein des modernen Menschen und macht bewusst, welche Mischung aus Gewalt, Angst, Sehnsucht, Verzweifelung, Entfremdung, Liebesbedürfnis, animalischer Verkommenheit und Sucht nach einer metaphysischen Dimension in uns steckt. Aber auch, was Schönheit aus diesem Stoff gemacht hat. Für van Hemert dient die Malerei nicht dem Zweck, die scheinbare Wirklichkeit nachzuahmen, sie ist vielmehr ein unabhängiger und künstlicher Akt, dessen Motor die inneren Bedürfnisse des Individuums sind. Dominiert wird die Malerei deshalb von der Kraft des Ausdrucks. Der Künstler profitiert dabei von beiden Richtungen der Malerei - der gegenstandslosen und der figurativen. Manchmal werden dabei die figurativen Anklänge so stark, dass die Balance zwischen Figur und Grund aufzubrechen droht. Malerei wird zum Kampf. Die Figur kann nicht einfach ins Bild gesetzt werden, sie muss aus der Farbe heraus entstehen. Das Motiv vor Augen zwingt ihn die Eigengesetzlichkeit der Farbe zu Übermalungen. Durch einen sinnlichen Reiz ausgelöst gewinnt der bildnerische Prozess im Agieren mit Pinsel Händen und Farbe eine Eigenwertigkeit, die wiederum in der Lage ist, einen starken sinnlichen Reiz auszustrahlen. Malerei wird dabei bereits im Akt der Entstehung zu einem mehrdeutigen, durch Wahrnehmung begründeten Ereignis. Spannung baut sich auf, die sich nicht entladen kann. Der deutsche Maler und Objektmacher Hödicke hat es für sich wie folgt formuliert: „Der Horror gebiert die Bilder, die Ignoranz malt sich was." Van Hemert Bilder illustrieren also nicht. Dies hat auch das serielle Arbeiten zur Folge, der Maler schafft verschiedene Fassungen, um sich einem Thema zu näheren. Damit tritt die Vorstellung einer letztgültigen bildnerischen Lösung in den Hintergrund. Der Maler wird zum Betrachter seiner eigenen Bilder. Er steift unsere Existenz in Frage, will Ventile des Gefühls öffnen und dadurch den Betrachter mit gesteigertem Gefühl ins Leben zurückschicken. Er gemahnt in seinen Bilder an, dass Kunst die elementare Fähigkeit hat, Abgründe der Existenz sichtbar und erlebbar zu machen. Über das Erfassen der Ausstrahlung seiner Figuren sucht er nach einer körperlich spürbaren Kraft, die er mit malerischen Mitteln zu umschreiben versucht. Francis Bacon hat dazu gesagt: „Ich glaube, Kunst ist eine unablässige Beschäftigung mit dem Leben, und da wir schließlich menschliche Wesen sind, gilt unsere Hauptleidenschaft uns selbst." Oder „ die größte Kunst führt einen immer wieder zurück an die Verletzlichkeit der menschlichen Existenz." Ziel der Arbeiten van Hemerts ist es für mich, die Realität, die Intensität der Wirklichkeit und die Verletzlichkeit der menschlichen Existenz von der Bacon spricht, wieder zu finden. In diesem Bestreben nach der über die bloße Wiedergabe von Realität hinausgehenden Wiedererschaffung von Wirklichkeit, erweisen sich seine Bilder als die eines durchaus realistischen Malers. In einem einführenden Text zu Arbeiten von Frank van Hemert stand geschrieben, er sei ein „Extremist hinsichtlich Mitteilsamkeit über seine Kunst" - bedeuten sollte dies, dass er seine Bilder für sich sprechen lassen will, nicht seine begleitenden Worte. Als wir uns gestern kennen lernten, sagte er zu mir, sie dürfen mich alles fragen -vielleicht nutzen Sie, liebe Besucher der Vernissage - diese Chance in doppeltem Sinn, die Mitteilsamkeit der Bilder und die des Künstlers. Vielen Dank für ihre Aufmerksamkeit. |