Eröffnung /opening und Eröffnungsrede/ Openingstoespraak

Rede zur Eröffnung der
Sonderausstellung
UNVERSCHÄMTE SCHÖNHEIT
aus der Reihe Birth Copulation Death
Frank van Hemert
Sonntag, 17. April 2011
im Gustav-Lübcke-Museum, Hamm

Eroffnung

Zum Schluss saß der Künstler ganz still da. Sichtlich beeindruckt von dem Einklang zwischen Raum und Kunst. Dies, sehr verehrte Eröffnungsgäste, ist eine sehr persönliche Beobachtung, die ich dem Moment gemacht habe, als das letzte Bild von Frank van Hemert in diesem Saal hing und die Aufbau-Arbeiten vollendet waren. Die Ausstellung entstand in sehr enger Zusammenarbeit mit dem Künstler. Unverzichtbar waren seine Vorbereiten, seine Überlegungen, welchen Platz die Bilder erhalten und wie sie gehängt werden sollten. Seine tatkräftige Unterstützung während der Hängung war ebenso wertvoll wie auch seine Bereitschaft, offen über sein Kunstschaffen zu sprechen.

Der Niederländer Frank van Hemert hat mit seinem Auftritt als noch sehr junger Künstler auf der documenta 7 (1982) für Aufregung gesorgt, wurde schnell als sogenannter Newcomer bezeichnet und genießt heute eine weit reichende Anerkennung.
Sowohl als Mensch wie auch als Künstler beschäftigt er sich mit den Erfahrungen des menschlichen Lebens. Leben, Tod, Angst, Melancholie, Erotik, Einsamkeit, Trost und Verletzlichkeiten sind Themen, die ihn berühren, die er zu ergründen versucht und die er in einer ganz beeindruckenden künstlerischen Weise umsetzt.
Um sich einem Thema zu nähern, arbeitet Frank van Hemert in Serien. Unterschiedliche Landessprachen verwendend, nennt er sie u.a. You/ME, SECRET SURVIVORS/LA PETITE MORT/ICOON oder HÖLDERLINTÜRME. Das Arbeiten in Serien verschafft ihm zwar einen Facettenreichtum an Fassungen, aber jedes Bild aus einer Serie hat seinen eigenen Stellenwert und trägt in sich die Auseinandersetzung einer persönlichen Erfahrung. Der Betrachter durchschaut selten – mit Ausnahme der Engelserie vielleicht – warum ein Bild zu dieser und ein anderes zu jener Serie gehört. Die Anzahl an Bildern aus einer jeweiligen Serie ist sehr unterschiedlich, d.h. manche Serien halten den Künstler mehr fest, andere weniger. Manche Serien nimmt er erst nach Jahren wieder auf.

Da Sie, verehrte Gäste schon „mitten drin sind“, möchte ich die Kunst von Frank van Hemert nicht allgemein erläutern, sondern Ihnen das Wesentliche seines Kunstschaffens anhand von einigen ausgewählten Bildern nahe bringen.

Ihr augenblicklicher Standpunkt ermöglicht Ihnen einen weiten Überblick über den Saal. Ab und zu werde ich sie bitten müssen, Ihre Köpfe zu drehen. Einige Darstellungen können Sie überhaupt nicht sehen, aber ich bemühe mich bei meinen Erläuterungen um Anschaulichkeit, damit Sie sich die Ihnen nicht gegenüberstehenden Bilder zumindest geistig vorstellen können.

Links am Eingang empfängt Sie ein dicht gehängtes 12-teiliges Bilderensemble aus der Reihe You/ME. Wir erkennen sich im Liebesakt verschlingende zerbrechliche Figuren, die von weitaus kräftiger gezeichneten blumenartigen Gebilden überlagert werden. In einem Bild z.B. führt eine Blume vom Kehlkopf der einen Figur zum Körper der anderen. In einem weiteren Bild entspringt eine Blume aus dem Mund. Die dargestellten Blumen erinnern an Pusteblumen, aber auch an Mikrofone. Für van Hemert ist die Blume Sinnbild, er nennt es „Blindenwort“. „Wo das Sprechen aufhört“, sagte er ganz sachlich „bringt man Blumen“, man bringt Blumen, „wenn man stirbt, sich bedankt, sich versöhnt, tröstet oder liebt“. Der Künstler empfindet, dass es in der Kommunikation Grenzen gibt. Selbst wenn sich zwei „durchdringend“ lieben, kann der Eine den Anderen nicht gänzlich erreichen und dessen Empfindungen vollkommen nachspüren. Daher – You/ME!
Im Vergleich zu diesen eher zeichnerisch zarten Darstellungen rufen die ebenfalls an die pure Wand mit feinen Nägeln angepinnten Bilder aus der Serie SECRET SURVIVORS ein äußerst beklommenes Gefühl hervor. Pechschwarze kraftstrotzende Kreaturen gebaren sich zum Angriff. Dazwischen sieht man menschliche Arme und Beine. Geht es hier um Macht, Bedrohung Schonungslosigkeit beziehungsweise um Aussichtslosigkeit und Ergebung? Was spürt man angesichts dieser in schwarz-weiß gehaltenen, wuchtigen wandfüllenden Darstellungen? „Eine gehörige Portion Unsicherheit macht sich breit, das Blut könnte einem in den Adern gefrieren“, sagte kürzlich ein Kulturjournalist, sichtlich davon betroffen. Wie in vielen Bildern van Hemerts schweben auch hier die Figuren. Ist das Schweben tatsächlich eine Metapher für Unsicherheit oder auch für Aufhebung von Schwere?

Die Assoziation an Schweben hat der Betrachter auch in den Bildern zur Serie HÖLDERLINTÜRME. Der Dichter Friedrich Hölderlin beschäftigt Frank van Hemert sehr. Van Hemert näherte sich Hölderlin über den 1970 freiwillig aus dem Leben geschiedenen Poeten Paul Celan. In einem Gedicht („Tübinger Jänner“) von Celan stieß van Hemert auf die Bezeichnung „schwimmende Hölderlintürme“. In den kompositorisch ähnlichen Bildern aus der Serie HÖLDERLINTÜRME ist meines Erachtens eine höchst tiefsinnige Umsetzung über das Schicksal des kontaktscheuen Poeten gelungen. Sie sind ein treffendes Beispiel dafür, dass van Hemert „Motive“ aus früheren Serien, z.B. DE LAATSTE SLAAPKAMER, immer wieder aufnimmt – hier ist z.B. das Bett, das auf keinem festen Boden gründet. In der aktuellen Präsentation in Hamm sind fünf Bilder aus der Reihe der HÖLDERLINTÜME zu sehen. Eine ausführliche sehr lesenwerte Publikation zu den Hölderlintürmen liegt ebenso aus.

Die hier gezeigten Arbeiten aus der Serie ICOON fallen zunächst durch ihre besondere Farbigkeit auf. Was meint der Künstler mit Icoon? „Ikonen sind etwas Bleibendes: Jemand, der für etwas ewig steht oder auch etwas, das für etwas ewig steht. Etwas Bewegendes. „Ikonen sind nicht zu gleichzusetzen mit Clichés.“ Pina Bausch, die durch poetische und Alltagselemente entscheidend die Tanzentwicklung beeinflusste und unbeirrt ihre Ziele – trotz aller Anfeindungen – verfolgte, verkörpert für van Hemert eine Ikone. In unserer Ausstellung fordert sie den Betrachter auf: Komm tanz mit mir!“
Die unauslöschliche Szene aus dem berühmten Marilyn Monroe-Film sehen wir in einem zweiteiligen, besonders farbkräftigen auch aus der Icoonserie stammenden Bild, das an der Wand neben Ihnen hängt. Als Vorlage diente dem Künstler eine Fotographie. Frank van Hemert bildet jedoch nie ab, er illustriert auch nicht, sondern malt das, was wahr, was wesentlich ist, was dahinter steckt. Für die in leichter Untersicht gezeigte Marilyn-Figur, die durch ihr wehendes tief dekolletierten weißes Kleid und ihr rot schattiertes Gesicht besticht, wählte van Hemert einen lasierenden Farbauftrag. Pastos dagegen aufgemalt sind die sie umgebenden Farben Grün, Gelb, Orange. Bei den Diptychen, hierzu gehören auch die beiden zweiteiligen Icoon Bilder, die Weltgeschichtliches und Weltbewegendes (Gefallener Soldat im spna. Bürgerkrieg/Zerstörtung Twin-Towers) in sich tragen, ist immer eine Seite anders. Der Marilyn-Figur „ist eine Sonnenblume zugeordnet, die in der Blumenwelt so herausgehoben scheint, wie die Monroe im Filmgeschäft“. Marilyns Beine im Bild sind nur zu erahnen, ihre Füße fehlen, sie steht auf keinem Grund. Ist Marilyn entwurzelt gewesen? Der Künstler äußert sich: „Ich sehe die Monroe als tragische Figur und habe ihre Einsamkeit gespürt. Wenn ich male, leitet mich ein Gefühl und ich empfinde, wenn es gut ist.“
Dies gilt auch für die Technik.
Die Technik darf jedoch nicht losgelöst vom Inhalt betrachtet werden. Der künstlerische Ausdruck trägt in hohem Maße zu Sinngebung des Inhaltes bei. Um nur Abstraktes oder nur Gegenständliches schert sich der Künstler wenig. Besonders liebt Frank van Hemert das spannungsgeladene Nebeneinander von Farben. Er verwendet Ölfarben auf Leinwand. Häufig findet man unter seinen Arbeiten auch Mischtechniken: Collage, Ölstift, Kohle, Acryl und Tusche – manchmal alles zusammen. Selbst Drähte kommen zum Einsatz. Besonderen Spaß, macht es ihm mit Collagen zu arbeiten. „Mit Collagen kann man immer verändern.“ Besonders ausgeklügelte Collagen finden in der Engelserie sowie in dem aktuellen 2011eigens für die Ausstellung geschaffene Werk HEALING ME/HEALING YOU. „In einigen Bildern kann man den Beginn einer Linienführung oder wie die Hand die Farbe geführt oder ausgebreitet hat. Ich verteile meine Farben wie ein Musikstück, das Auge soll von einem Rhythmus getragen werden, soll das ganze Bild abtasten. Ich weiß außerdem genau, welche Farbe wo und wie viel hin muss“, äußert Frank van Hemert. Sein herausragendes künstlerisch-technisches Know-how ist nicht zu verkennen.

Bei dem Titel UND DIE FRAUEN WARTEN kann sich Frau reichlich viel vorstellen. Frank van Hemert spielt in dieser Serie auf den Krieg an, besser gesagt auf die Frauen, die auf die Rückkehr ihrer Männer warten. Für den Künstler sind die Frauen stark. Im Bild verkörpert eine Sonnenblume die wartende Frau. Schon verwelkt, aber immer noch standhaft ist sie in die Bildmitte gesetzt, sich leicht nach hinten windend, als ob sie nach jemanden Ausschau halten würde. Für Frank van Hemert ist die Sonnenblume eine Pflanze, die lachen und weinen kann, genau wie die Menschen. Sie sind jung und alt, frisch und knackig, aber auch manchmal schon verblüht und müde. Sie sind Zeichen der Hoffnung und Erwartung, der Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, Symbol gegen Krieg und Gewalt. Frank van Hemert verabscheut die Darstellung von Gewalt. Eruptiv brodelt oder tropft ein in vielen Nuancen eingebrachte Rot, das für Blut steht. Bei dem einen, aus der Privatsammlung stammenden Bild aus der Serie UND DIE FRAUEN WARTEN meint man dennoch, den Stillstand der Zeit zu spüren.

Präsentiert werden in dieser Ausstellung 125 Werke, sowohl Arbeiten auf Papier als auch Gemälde. An einer schmaleren Wand hängen über 40 kleinformatige Zeichnungen aus verschiedenen Serien. Die Zeichnung hat für den Künstler die gleiche Bedeutung wie das Gemälde. Vor allem seine Vorliebe für das Prozesshafte kann er mittels des Zeichnens ausleben. Manchmal arbeitet er an einer Zeichnung bis zu einem Jahr. Diese klein gefassten Arbeiten sind in einer so genannten Petersburger Hängung über und nebeneinander platziert.

Mein Resümee:
Frank van Hemert will mit seinen sehr menschlichen Themen eine Wahrheit zugänglich machen. Seine Absicht ist jedoch nicht zu provozieren, zu kritisieren, auch nicht pessimistisch zu stimmen, letzteres verbietet sich schon durch seine farbenfrohen Bilder. Mit seiner Kunst versucht er, die Natur der Menschen zu verstehen, ihr Leben und ihr Fühlen zu ergründen. Sich der schöpferischen Freiheit des Künstlers bedienend, wagt er sich in Grenzbereiche vor, Er bewegt uns persönlich, rüttelt uns auf und versetzt uns zuweilen in Scham, aber mit dem Genuss eines ästhetischen Kunst-Erlebens.
Willkommen, liebe Gäste, in der Ausstellung UNVERSCHÄMTE SCHÖNHEIT.
Allen, die zum Gelingen der Ausstellung beigetragen haben, gilt unser Dank.
Besonders – ich hoffe mir gelingt das nun Folgende:

Hartelijk dank, Ineke Brinkmann en Frank van Hemert voor de goede samenwerking.
Het was een mooie tijd.

Und nun zum Schluss:
Sie können sich alle erinnern, sehr geehrte Damen und Herren?! Vorgestern hat sich die niederländische Königin Beatrix in der Stadt Essen aufgehalten. Angeblich hat sie beim Anblick der Kohletürme der Zeche Zollverein ein lautes „Wow fantastisch“ ausgerufen. Vielleicht sehen Sie sich, liebe Eröffnungsgäste, veranlasst, ähnlich auf die Kunst des Niederländischen Künstlers Frank van Hemert zu reagieren. Wir würden uns freuen, wenn Sie einen Eintrag in unser Gästebuch vornehmen würden. Ein kurzes „Wow fantastisch“ oder „unverschämt schön“ würde genügen, es darf auch etwas mehr sein.
Ich danke für die Aufmerksamkeit und bei denjenigen, die keinen Stuhl hatten, zusätzlich für das Stehvermögen.

Diana Lenz-Weber
für Sonntag, den 17. April 2011